OEE berechnen und steigern bei Abfüll- und Verpackungsanlagen

Eine Absackanlage für Schüttgüter ist auf 300 Säcke pro Stunde ausgelegt – auf dem Papier ergibt das bei einer Achtstundenschicht 2.400 Säcke. In der Praxis stehen am Ende oft 1.700. Die fehlenden 700 Säcke sind nicht verschwunden – sie verteilen sich auf drei Verlustarten, die einzeln betrachtet harmlos wirken und in Summe fast ein Drittel der theoretischen Kapazität auslöschen: ungeplante Stillstände, Geschwindigkeitsverluste und Qualitätseinbußen.

Die OEE – Overall Equipment Effectiveness – macht alle drei Verlustarten in einer einzigen Kennzahl sichtbar. Sie multipliziert Verfügbarkeit, Leistung und Qualität zu einem Prozentwert, der zeigt, wie viel der geplanten Produktionskapazität tatsächlich in verkaufsfähigen Gebinden ankommt. Agustiady und Cudney beschreiben die OEE als Barometer für die Anlagengesundheit: Sie bricht die Verluste in klare Kategorien auf und zeigt, wo der größte Hebel liegt – bei der Verfügbarkeit, bei der Leistung oder bei der Qualität. Kletti und Schumacher dokumentieren in Produktionsbetrieben regelmäßig OEE-Werte von nur 30 bis 40 Prozent – die theoretische Verdopplung der Anlagenleistung ist also keine Utopie, sondern eine rechnerische Konsequenz systematischer Verlustreduzierung.

Dieser Artikel rechnet die OEE einmal komplett für eine Absackanlage durch – mit realistischen Zahlen aus der Schüttgut-Verpackung. Anschließend identifiziert er die typischen Verlustquellen in jedem der drei Faktoren und zeigt, mit welchen Maßnahmen sich die OEE einer Absackanlage systematisch steigern lässt.

Was ist die OEE und wie wird sie berechnet?

Die OEE verdichtet drei voneinander unabhängige Verlustdimensionen in einer einzigen Kennzahl. Agustiady und Cudney ordnen ihr sechs Hauptverlustquellen zu – die sogenannten Six Big Losses –, die sich auf drei Ebenen verteilen:  

  • Verfügbarkeit (Stillstände und Rüstzeiten)
  • Leistung (Kurzstillstände und reduzierte Geschwindigkeit)
  • Qualität (Ausschuss und Nacharbeit)

Die Multiplikation der drei Faktoren ist dabei kein Zufall, sondern Absicht: Jeder Faktor wirkt als Multiplikator auf die anderen – ein schwacher Einzelwert drückt das Gesamtergebnis überproportional nach unten.

Was bedeutet die Formel Verfügbarkeit × Leistung × Qualität?

OEE = Verfügbarkeit × Leistungsgrad × Qualitätsrate

Jeder Faktor liegt zwischen 0 und 100 Prozent. Das Produkt aller drei ergibt die OEE. Agustiady und Cudney setzen einen OEE-Wert von 85 Prozent als World-Class-Benchmark an – ein Wert, den die wenigsten Absackanlagen im Dauerbetrieb erreichen.

OEE-Faktor Formel Was er misst Verlustquellen an der Absackanlage
Verfügbarkeit Tatsächliche Laufzeit ÷ Geplante Produktionszeit Wie viel der geplanten Zeit die Anlage tatsächlich läuft Ungeplante Stillstände (Defekte, Sensorausfälle), geplante Stillstände (Rüstzeit, Reinigung, Nacheichung)
Leistung Tatsächlicher Durchsatz ÷ Maximaler Durchsatz Wie nah die Anlage während der Laufzeit an ihrer Nennleistung arbeitet Kurzstillstände (Sackeinlauf-Fehler, Nachstrom-Korrekturen), reduzierte Geschwindigkeit (kohäsive Pulver, Fluidisierung, suboptimale Dosierparameter)
Qualität Gut-Säcke ÷ Gesamt-Säcke


Gut-Säcke ÷ Gesamt-Säcke
Wie viele der produzierten Säcke beim ersten Durchlauf die Spezifikation erfüllen Ausschuss (fehlerhafte Verschweißung, Kontamination), Nacharbeit (Nachwiegen, Umpacken), Give-away über Toleranz
Die vierte Spalte macht den Unterschied zu jeder generischen OEE-Erklärung: Die Verlustquellen sind nicht „Maschinenstillstand“ und „Qualitätsmangel“, sondern Sackstau am Füllstutzen, Vakuumpumpenstörung, Fluidisierung ultrafeiner Pulver und Give-away durch unpräzise Dosierung. Genau diese Spezifik macht die OEE als Diagnose-Instrument für Absackanlagen nutzbar.

Wie sieht eine OEE-Berechnung für eine Absackanlage konkret aus?

Die folgende Berechnung zeigt eine Schicht an einer typischen Absackanlage für Schüttgüter – mit Zahlen, die in der Praxis realistisch sind:

Rechenbeispiel: OEE einer Absackanlage in einer Achtstundenschicht

Schritt 1 – Verfügbarkeit
Geplante Produktionszeit: 8 Stunden = 480 Minuten. Davon gehen verloren: 45 Minuten Rüstzeit (Produktwechsel mit Reinigung und Parameterumstellung) + 30 Minuten ungeplanter Stillstand (Sackstau am Füllstutzen, Druckluftabfall, Sensorstörung). Tatsächliche

Laufzeit: 480 − 75 = 405 Minuten.

Verfügbarkeit = 405 ÷ 480 = 84,4 %

Schritt 2 – Leistung
Nennleistung der Anlage: 300 Säcke pro Stunde. Tatsächlicher Durchsatz während der Laufzeit: 260 Säcke pro Stunde – reduziert durch Kurzstillstände beim Sackwechsel, Nachstrom-Korrekturen an der Dosierung und verlangsamte Förderung bei kohäsivem Produkt.

Leistung = 260 ÷ 300 = 86,7 %

Schritt 3 – Qualität
Produzierte Säcke in 6,75 Stunden Laufzeit bei 260 Säcken/h: 1.755 Säcke. Davon 35 Ausschuss (fehlerhafte Verschweißung, Über-/Unterfüllung außerhalb der Toleranz). Gut-Säcke: 1.720.

Qualität = 1.720 ÷ 1.755 = 98,0 %

OEE = 84,4 % × 86,7 % × 98,0 % = 71,7 %

Das Ergebnis: Fast 30 Prozent der theoretischen Kapazität gehen verloren – obwohl kein einzelner Faktor katastrophal schlecht ist. Die Verfügbarkeit von 84,4 Prozent klingt akzeptabel, die Leistung von 86,7 Prozent ebenso, die Qualitätsrate von 98 Prozent sogar gut. Aber die Multiplikation zeigt die Wahrheit: 0,844 × 0,867 × 0,980 = 0,717. Kletti und Schumacher beschreiben genau diesen Effekt als typisch: In der Industrie werden OEE-Werte von 30 bis 40 Prozent regelmäßig vorgefunden – bei unserem Beispiel stehen wir mit 71,7 Prozent zwar deutlich darüber, aber immer noch 13 Prozentpunkte unter dem World-Class-Benchmark von 85 Prozent.

Die praktische Konsequenz ist greifbar: Bei 300 Säcken pro Stunde Nennleistung und 480 Minuten geplanter Produktionszeit wären theoretisch 2.400 Säcke möglich gewesen. Tatsächlich sind 1.720 Gut-Säcke entstanden. Die Differenz von 680 Säcken – das ist die OEE-Lücke, übersetzt in Gebinde, die nicht produziert wurden.

Welche Verlustquellen senken die Verfügbarkeit einer Absackanlage?

Die Verfügbarkeit ist bei den meisten Absackanlagen der schwächste der drei OEE-Faktoren – und damit der mit dem größten Hebel. Im Rechenbeispiel kosteten 75 Minuten Stillstand in einer einzigen Schicht 15,6 Prozentpunkte Verfügbarkeit. Hochgerechnet auf 250 Arbeitstage sind das über 300 Stunden verlorene Produktionszeit pro Jahr – Zeit, in der die Anlage steht, das Personal wartet und keine Säcke die Linie verlassen.

Die Verluste teilen sich in zwei Kategorien, die unterschiedlich angegangen werden müssen:

Ungeplante Stillstände – die Anlage steht, obwohl sie laufen sollte:

Stillstandursache Was passiert Typische Dauer
Mechanischer Defekt am Dosierorgan Förderschnecke blockiert durch Produktanbackung, Dosierklappe klemmt, Antrieb überlastet 15–60 min je nach Zugänglichkeit
Vakuumpumpenstörung Unterdruck bricht zusammen, Befüllung stoppt (bei Vakuumpackern sofort, bei Luftpackern indirekt über Absaugung) 20–90 min je nach Fehlerart
Sensorausfall Wägezellen-Signal fehlt, Füllstandsensor am Silo defekt, Sackerkennungssensor verschmutzt – Anlage geht in Sicherheitsstopp 5–30 min (oft Reinigung statt Tausch)
Druckluftprobleme Druckabfall im Netz, Leckage an Ventilen, Kompressor-Lastspiel nicht synchron mit Anlagentakt 10–45 min (Ursache oft außerhalb der Absackanlage)
Sackstau Sack verklemmt am Füllstutzen, am Abnahmeband oder vor der Verschweißung – Bediener muss manuell eingreifen 2–10 min pro Ereignis, aber hohe Häufigkeit

Diese Stillstände sind die klassische Domäne von TPM: wie TPM ungeplante Stillstände an Absackanlagen eliminiert, beschreibt der Fachartikel zur vorbeugenden Instandhaltung. Die Logik ist einfach – Agustiady und Cudney formulieren das Ziel von TPM als Dreifach-Null: null Defekte, null Unfälle, null Stillstände. Die OEE ist dabei das Messinstrument, TPM das Werkzeug.

Geplante Stillstände – die Anlage steht aus nachvollziehbaren Gründen, aber die Verfügbarkeit sinkt trotzdem:

Stillstandursache Was passiert Typische Dauer
Produktwechsel (Rüstzeit) Sacksortenwechsel, Reinigung der produktberührenden Flächen, Dosierparameter-Umstellung, Nacheichung der Waage 15–60 min je nach Produktkombination
Reinigung bei Sortenwechsel Kontaminationsfreier Wechsel zwischen Produkten unterschiedlicher Spezifikation – besonders kritisch bei Farbpigmenten, Lebensmitteln oder pharmazeutischen Produkten 20–90 min bei Hygienic-Design-Anlagen, länger bei konventionellen
Nacheichung der Waage Prüfgewicht auflegen, Kalibrierwerte abgleichen, Dokumentation erstellen – gesetzlich vorgeschrieben, aber in der Häufigkeit oft über das Notwendige hinaus 10–20 min pro Eichvorgang

Geplante Stillstände akzeptiert man oft als unvermeidlich – aber ihre Dauer ist es nicht. Wie SMED die Rüstzeiten minimiert, zeigt der Fachartikel zur Rüstzeitoptimierung: Die Unterscheidung in internes und externes Rüsten allein kann die Stillstandszeit bei Produktwechseln halbieren, ohne eine einzige technische Änderung an der Anlage.

Welche Verlustquellen senken die Leistung beim Absacken?

Die Leistung misst, wie nah die Anlage während ihrer Laufzeit an der Nennleistung arbeitet. Im Rechenbeispiel lag der tatsächliche Durchsatz bei 260 statt 300 Säcken pro Stunde – ein Verlust von 13,3 Prozentpunkten. Anders als bei der Verfügbarkeit, wo die Anlage sichtbar steht, sind Leistungsverluste oft unsichtbar: Die Anlage läuft, produziert Säcke – nur eben langsamer als sie könnte.

Agustiady und Cudney unterscheiden zwei Kategorien von Leistungsverlusten: Kurzstillstände (die Anlage stoppt kurz und läuft wieder an) und reduzierte Geschwindigkeit (die Anlage läuft durchgängig, aber unter Nennleistung). An einer Absackanlage für Schüttgüter haben beide Kategorien spezifische Ursachen:

Kurzstillstände – die Anlage stoppt kurz, meist unter zehn Minuten, aber die Häufigkeit summiert sich:

Ursache Was passiert an der Absackanlage Warum es die Leistung kostet
Sackeinlauf-Fehler Ventil nicht korrekt geöffnet, Sack schief auf dem Stutzen, falsche Sacksorte im Magazin – Anlage stoppt, Bediener korrigiert manuell Jeder Fehler kostet 15–45 Sekunden. Bei zwei bis drei Fehlern pro Stunde summiert sich das auf 5–8 Prozent Taktverlust
Nachstrom-Korrektur Nach dem Schließen des Dosierorgans rieselt Restprodukt nach – die Wägesteuerung wartet auf den stabilen Messwert, bevor sie den Sack freigibt Je feiner das Pulver, desto länger der Nachstrom. Bei ultrafeinen Produkten unter 50 µm können 3–5 Sekunden pro Sack verloren gehen
Materialunterbrechung aus dem Silo Brückenbildung im Silokonus, Rattenlochaustrag oder Fließstörung in der Zuführschnecke – Dosierung bekommt kurzzeitig kein Produkt 10–60 Sekunden pro Ereignis. Häufigkeit produktabhängig, bei kohäsiven Pulvern mehrmals pro Stunde

Reduzierte Geschwindigkeit – die Anlage läuft, aber langsamer als die Nennleistung:

Ursache Was passiert an der Absackanlage Warum es die Leistung kostet
Schwieriges Produktverhalten Kohäsive Pulver fördern langsamer als frei fließende Granulate. Brückenbildung, Anhaftung an Wandflächen und ungleichmäßiger Materialfluss erzwingen eine reduzierte Fördergeschwindigkeit Die Nennleistung von 300 Säcken/h gilt für das Referenzprodukt – bei kohäsiven Pulvern kann die erreichbare Leistung auf 200–250 Säcke/h sinken, ohne dass ein Defekt vorliegt
Fluidisierung bei ultrafeinen Schüttgütern Pulver mit Korngrößen unter 100 µm nehmen beim Befüllen Luft auf und verhalten sich wie eine Flüssigkeit. Der Sack kann nicht schneller befüllt werden, als das Produkt sich entlüftet und setzt Physikalische Grenze – keine Einstellungsoptimierung kann sie überwinden, nur ein anderes Abfüllprinzip (z. B. Vakuumabsackung statt Druckluftförderung)
Suboptimale Dosierparameter Umschaltpunkte zwischen Grob- und Feinstrom nicht auf das aktuelle Produkt abgestimmt, Förderdruck zu niedrig, Vibrationsdosierung nicht korrekt getaktet Die Anlage läuft stabil, aber 10–20 Prozent unter dem erreichbaren Durchsatz – oft unbemerkt, weil kein Alarm ausgelöst wird

Der letzte Punkt – suboptimale Dosierparameter – ist die tückischste Leistungsverlustquelle, weil sie im Tagesgeschäft nicht auffällt. Die Anlage produziert, die Säcke sind korrekt befüllt, keine Störmeldung leuchtet. Aber der Vergleich mit der Nennleistung zeigt die Lücke. Kletti und Schumacher beschreiben diesen Effekt als versteckte Verlustquelle: Anlagen laufen häufig mit Parametern, die beim letzten Produktwechsel gesetzt und seitdem nicht mehr optimiert wurden.

Warum Fluidisierung die Abfüllgeschwindigkeit begrenzt, vertieft der künftige Fachartikel zur Fluidisierung. Taktzeitverluste als Leistungsfaktor beim Abfüllen und wo die physikalische Grenze des Takts pro Sack liegt, beschreibt der Fachartikel zur Zykluszeit.

Welche Verlustquellen senken die Qualitätsrate bei der Abfüllung?

Die Qualitätsrate ist bei Absackanlagen typischerweise der beste der drei OEE-Faktoren – im Rechenbeispiel lag sie bei 98 Prozent. Das klingt beruhigend, verdeckt aber zwei Dinge: Erstens kostet jeder einzelne Ausschuss-Sack nicht nur das Material, sondern auch die Produktionszeit, die für seine Herstellung aufgewendet wurde. Zweitens erfasst die klassische Qualitätsrate nur den offensichtlichen Ausschuss – nicht den systematischen Produktverlust durch Überfüllung, der wirtschaftlich oft schwerer wiegt als die 35 fehlerhaften Säcke im Rechenbeispiel.

Agustiady und Cudney ordnen die Qualitätsverluste in zwei Kategorien: Fehler, die zur Nacharbeit oder Entsorgung führen, und Anfahrverluste nach Rüstvorgängen, bis der Prozess stabil läuft. Für die Absackung von Schüttgütern ergibt sich eine dritte Kategorie, die in der klassischen OEE-Systematik nicht vorgesehen ist, wirtschaftlich aber den größten Posten ausmachen kann: das Give-away.

Ausschuss – Säcke, die die Spezifikation nicht erfüllen und aussortiert oder entsorgt werden:

Ausschussursache Was passiert an der Absackanlage Wirtschaftliche Folge
Fehlerhafte Verschweißung Schweißnaht unvollständig, asymmetrisch oder nicht dicht – Sack kann im Lager oder auf dem Transport aufreißen Entsorgung des Sacks, Produktverlust, Reinigung der Umgebung, bei Lieferung: Reklamation
Über- oder Unterfüllung außerhalb der Toleranz Füllmenge weicht so stark von der Nennfüllmenge ab, dass der Sack die Fertigpackungsverordnung nicht erfüllt (Unterfüllung) oder die maximale Traglast des Sacks überschreitet (Überfüllung) Unterfüllung: Bußgeldrisiko, Reklamation. Extreme Überfüllung: Sackbruch, Sicherheitsrisiko
Kontaminierte Charge Reststäube des Vorprodukts gelangen in die neue Charge – besonders kritisch bei Farbpigmenten (sichtbar), Lebensmitteln (sensorisch) und Pharma (regulatorisch) Sperrung der Charge, Rückruf im Extremfall, Reinigungsaufwand, Vertrauensverlust beim Kunden

Give-away – der unsichtbare Qualitätsverlust

Systematische Überfüllung produziert verkaufsfähige Säcke. Kein Sack wird ausschussiert, kein Sack nachgearbeitet – die Qualitätsrate im OEE-Sinne bleibt bei 100 Prozent. Aber jeder Sack enthält mehr Produkt als bezahlt wird. Bei einem Give-away von 50 Gramm pro Sack, 260 Säcken pro Stunde und 6,75 Stunden Laufzeit verschenkt die Anlage in einer einzigen Schicht 87,75 Kilogramm Produkt – Produkt, das produziert, gefördert, dosiert und abgefüllt wurde, aber keinen Umsatz erzeugt.

Ob Give-away in die OEE-Qualitätsrate einfließt, ist eine betriebliche Entscheidung. Manche Betriebe definieren einen maximalen Give-away-Wert pro Sack und werten alles darüber als Qualitätsverlust. Andere erfassen den Give-away als separate Kennzahl neben der OEE. Wirtschaftlich ist der Verlust in beiden Fällen real – und er hängt direkt von der Eichfehlergrenze der eingesetzten Waage ab. Wie Genauigkeitsklassen das Give-away bestimmen, beschreibt der Fachartikel zu Eichfehlergrenzen und Überfüllung. Wie Staubemissionen die Qualitätsrate beim Abfüllen beeinflussen – durch Produktaustritt am Füllstutzen, der weder im Sack noch in der Dosierung erfasst wird –, vertieft der Fachartikel zur Staubentwicklung.

Wie lässt sich die OEE einer Absackanlage systematisch steigern?

Die OEE zeigt, wo Kapazität verloren geht – aber sie sagt nicht, wo man anfangen soll. Bei drei Faktoren mit jeweils mehreren Verlustquellen besteht die Gefahr, überall gleichzeitig zu optimieren und nirgendwo Ergebnisse zu erzielen. Die systematische Steigerung der OEE braucht daher eine klare Reihenfolge: erst den schwächsten Faktor identifizieren, dann die größten Verlustquellen innerhalb dieses Faktors angreifen, dann messen und iterieren.

Welcher OEE-Faktor bietet den größten Hebel?

Die Antwort liefert das Rechenbeispiel – die drei Faktoren nebeneinander betrachtet:
Faktor Wert im Beispiel Abstand zum World-Class-Ziel (je 95 %) Hebel
Verfügbarkeit 84,4 % −10,6 Prozentpunkte Größter Hebel
Leistung 86,7 % −8,3 Prozentpunkte Zweiter Hebel
Qualität 98,0 % +3,0 Prozentpunkte Bereits über Ziel

Die Regel ist einfach: Den Faktor mit dem niedrigsten Wert zuerst verbessern. Bei den meisten Absackanlagen ist das die Verfügbarkeit – weil Rüstzeiten bei Produktwechseln und ungeplante Stillstände die offensichtlichsten und häufigsten Verlustquellen sind. Der zweite Hebel liegt typischerweise bei der Leistung – weil produktbedingte Geschwindigkeitsreduktionen und Kurzstillstände den Durchsatz unter die Nennleistung drücken.

Hänggi, Fimpel und Siegenthaler empfehlen innerhalb jedes Faktors das Pareto-Prinzip: 80 Prozent der Verluste kommen aus 20 Prozent der Ursachen. An einer typischen Absackanlage sind das erfahrungsgemäß drei bis vier Positionen: Rüstzeit bei Produktwechsel, ein bis zwei wiederkehrende mechanische Defekte und die Reinigungszeit bei Sortenwechsel. Wer diese drei Positionen halbiert, hebt die OEE um mehrere Prozentpunkte – ohne den Rest der Anlage anzufassen.

Welche Maßnahmen verbessern jeden einzelnen OEE-Faktor?

Die folgende Übersicht ordnet jedem OEE-Faktor die wirksamsten Maßnahmen zu:

Verfügbarkeit steigern – Stillstände reduzieren:

Verlustquelle Maßnahme Wirkung
Ungeplante Stillstände (Defekte, Sensorausfälle, Pumpenprobleme) Wie TPM die ungeplanten Stillstände auf null senkt: Autonome Instandhaltung durch den Bediener, geplante Wartungszyklen, systematische Fehlerursachenanalyse Stillstandsminuten pro Schicht sinken, Verfügbarkeit steigt direkt
Rüstzeiten bei Produktwechsel Wie SMED die Rüstzeiten minimiert: Interne und externe Rüstvorgänge trennen, externe Schritte in die Laufzeit vorziehen Rüstzeit von 45 auf unter 15 Minuten, Verfügbarkeit steigt, gleichzeitig kleinere Losgrößen möglich
Verschleiß an kritischen Komponenten (Sonotroden, Dosierantriebe, Vakuumpumpen) Vorausschauende Wartung auf Basis von Zustandsdaten: Schwingungsmuster, Temperaturverläufe und Druckkurven bewerten den Verschleißzustand, bevor ein Ausfall eintritt Ungeplante Stillstände werden zu geplanten – kürzere Reparaturdauer, planbare Ersatzteilbeschaffung
Leistung steigern – Durchsatz erhöhen
Verlustquelle Maßnahme Wirkung
Suboptimale Dosierparameter Umschaltpunkte Grob-/Feinstrom produktspezifisch kalibrieren, Förderdruck anpassen, Nachstromverhalten dokumentieren und kompensieren Taktzeit pro Sack sinkt um Sekunden – bei Hunderten Säcken pro Stunde ein messbarer Leistungsgewinn
Kurzstillstände durch Sackeinlauf-Fehler Automatische Sackaufsteckung mit Positionskontrolle – jeder Sack sitzt korrekt, bevor die Befüllung startet Fehlerbedingte Kurzstopps eliminiert, kontinuierlicher Takt gesichert
Produktbedingte Geschwindigkeitsreduktion Wie Zykluszeiten die Leistung bestimmen: Physikalische Grenzen des Produktverhaltens verstehen, Abfüllprinzip dem Schüttgut anpassen Anlage fährt an der physikalischen Grenze statt an einer Sicherheitsmarge, die niemand mehr hinterfragt
Qualität steigern – Ausschuss und Verschwendung reduzieren
Verlustquelle Maßnahme Wirkung
Fehlerhafte Verschweißung, kontaminierte Chargen Fehlervermeidung durch Poka-Yoke: Positionskontrolle vor der Versiegelung, optische Sacherkennung am Einlauf – Fehler konstruktiv unmöglich machen Ausschussrate sinkt auf unter 0,1 Prozent
Systematische Überfüllung (Give-away) Wägesteuerung präzisieren: Wie Genauigkeitsklassen das Give-away bestimmen – je kleiner die Eichfehlergrenze, desto geringer der nötige Sicherheitszuschlag Jedes Gramm weniger Give-away pro Sack multipliziert sich über Tausende Säcke zu Tonnen eingespartem Produkt
Staubverluste am Füllstutzen Wie Staubverluste die Qualität beeinflussen: Produktaustritt während der Befüllung, der weder im Sack noch in der Dosierung erfasst wird – geschlossene Befüllsysteme eliminieren diese Verlustquelle Jedes Gramm weniger Give-away pro Sack multipliziert sich über Tausende Säcke zu Tonnen eingespartem Produkt
Der letzte Schritt schließt den Kreis zur Wirtschaftlichkeit: Alle Maßnahmen zusammen – höhere Verfügbarkeit durch TPM und SMED, bessere Leistung durch optimierte Dosierparameter, höhere Qualität durch Fehlervermeidung und präzisere Dosierung – alle Maßnahmen zusammen senken die TCO der Absackanlage über ihren Lebenszyklus. Die OEE quantifiziert den Fortschritt, die TCO übersetzt ihn in Euro.

OEE ist kein Ziel – sie ist ein Kompass

Die OEE zeigt nicht, wie gut eine Absackanlage ist – sie zeigt, wo sie Potenzial verschenkt. Im Rechenbeispiel dieses Artikels gingen 680 Säcke pro Schicht verloren: durch Rüstzeiten und Störungen (Verfügbarkeit), durch Kurzstillstände und verlangsamte Förderung (Leistung), durch Ausschuss und fehlerhafte Verschweißung (Qualität). Dazu kamen 87,75 Kilogramm verschenktes Produkt durch systematische Überfüllung – ein Verlust, der in der OEE gar nicht auftaucht.

Wer die drei Faktoren für seine spezifische Absackanlage durchrechnet, erkennt, ob das Problem bei der Verfügbarkeit, der Leistung oder der Qualität liegt – und kann gezielt ansetzen, statt an allen Stellschrauben gleichzeitig zu drehen. Die Werkzeuge dafür sind in den verlinkten Fachartikeln beschrieben: TPM für die Verfügbarkeit, SMED und Dosieroptimierung für die Leistung, Wägesteuerung und Fehlervermeidung für die Qualität. Die Effizienzsteigerung in der Schüttgut-Abfüllung beginnt mit einer Zahl – und die OEE ist diese Zahl.

Quellen

Agustiady, Tina Kanti / Cudney, Elizabeth A.: Total Productive Maintenance: Strategies and Implementation Guide. CRC Press, Boca Raton 2016.

Kletti, Jürgen / Schumacher, Jochen: Die perfekte Produktion. Manufacturing Excellence durch Short Interval Technology (SIT). 2. Auflage, Springer Vieweg, Berlin Heidelberg 2014.

Hänggi, Roman / Fimpel, André / Siegenthaler, Roland: LEAN Production – einfach und umfassend. Springer Vieweg, Berlin 2021.